Ausnahmsweise keine reale Geschichte, sondern eine kleine Parabel. Zwei Krabben unterhalten sich. Auch aus ihr lässt sich etwas lernen: dass Pessimismus nicht weit trägt, man an sich gedanklich nicht schon auf der Speisekarte wiederfinden sollte – und es trotzdem klug ist, vorzusorgen.

"Wozu brauchen Menschen so viele Gabeln?“ fragt Krabbel mit belustigtem Unterton. Zappel blickt auf die Tische, auf denen vor lauter Besteck kaum Platz für Essen ist. „Wenn jeder so schöne Scheren wie du hätte, wäre das vollständig überflüssig.“ fährt Krabbel mit einem Zwinkern fort.

Wie gut, dass Hummer schon rot sind, sodass niemand bemerkt, wie geschmeichelt Zappel ist. Doch jetzt ist nicht die Zeit um zu flirten.

Möchtest du wirklich, dass das deine letzten Worte sind?“ erwidert Zappel nur tonlos.

Beide schauen auf die Tische mit den vielen Gabeln, die silbern im Licht des Kronleuchters glänzen. Auf die samtüberzogenen Stühle und auf die Menschen, die darauf sitzen und sich ihre Teller mit Essen beladen. Auf die Austern, auf den Kaviar und auf die roten Panzertiere mit Scheren in der Tischmitte.

„Quatsch. Meine letzten Worte werden ‚Viva la Revolutión‘ sein!“

„Tja, das mit der Revolution wird wohl nichts mehr.“

„Das lieb ich an dir. Deinen grenzenlosen Optimismus.“

Zappel würde der Diskussion aus dem Weg gehen, wenn das Aquarium größer gewesen wäre. Stattdessen muss er einer von Krabbels Inspirationsreden lauschen.

Siehst du, diese Menschen essen mehr, als sie Hunger haben. Es ist diese Maßlosigkeit, die mich stört. Kann man denn Luxus genießen, wenn andere nicht mal ihr täglich Muschel haben? Das dürfen wir nicht so stehen lassen. Wir müssen aufstehen und uns für Gerechtigkeit einsetzen!“

„Krabbel, das Leben ist, wie es ist. Zu denken, wir können einen Unterschied machen, ist utopisch. Genauso, wie der Tatsache nicht ins Gesicht zu sehen, dass wir sterben werden.“

„Jeder stirbt irgendwann. Ist es zu viel verlangt, dass ich jede Sekunde in der ich lebe auch wirklich lebendig sein will?"

"Ist es zu viel verlangt, dass ich in den Sekunden vor meinem Tod keine Grundsatzdiskussionen führen möchte?“

Also sind beide still. Sie schweigen, als in dem Aquarium neben ihnen Gizmo versucht, den nach ihm greifenden Händen zu entfliehen. Sie schweigen, als das Streichquartett eine Pause macht und zu ihrem Aquarium kommt. Sie schweigen, bis Krabbel nach Zappels Schere greift.

„Du hast recht“, sagt Krabbel leise. „Wir werden sterben. Nicht irgendwann, jetzt. Aber es ist okay. Dank dir habe ich gefunden, wonach die meisten ihr Leben lang suchen. Ich liebe dich Zappel.“

„Weißt du was? Ich hab das Gefühl, wir werden heute nicht sterben.“

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Ich hab’s grad einfach im Urin.“

„Im Urin? Sag bloß nicht, du hast hier rein gepinkelt.“ Und das waren Krabbels letzte Worte.

Seine letzten Worte, bevor die Titanic in einen Eisberg krachte und dieser Unfall den beiden Krabben die Freiheit schenkte.

Von MCChamp