Vater hatte sich verändert. Der Krebs zeichnete seinen Körper. Vielleicht noch 6 Monate, sagten die Ärzte. Tochter Beatrice hatte ein gutes Verhältnis zu ihm. Obgleich ihr Vater als Familienpatriarch nie einfach war. Sein stattlicher Handwerksbetrieb kam stets an erster Stelle. Mutter hatte sich vor eineinhalb Jahren scheiden lassen. Nach über 20 Jahren Ehe war es ihr zu eng geworden.
Beatrice studierte Jura in Tübingen und kam nur noch selten nach Köln. Während der Zugfahrt dachte sie über das Abendessen nach, zu dem Vater sie anlässlich seines 58. Geburtstages eingeladen hatte. Sie waren zu fünft gewesen: Sie, ihre Schwester Stephanie mit ihrem Lebensgefährten Ben und Tante Irmtraud, Vaters Schwester.
Wie schnell sich die Dinge ändern konnten. Vor kurzem stand Vater noch mitten im Leben. Zum Glück kümmerte sich Tante Irmtraud ein wenig um ihn. Beatrice hatte Irmtraud nie gemocht. Sie hatte eine schrille, viel zu laute Stimme. Beatrice war Tante Irmtraud auch nicht oft begegnet, zuletzt bei ihrer Konfirmation. Vater hatte nie viel mit Irmtraud zu tun. Umso beachtenswerter, dass jetzt nach ihm schaute, wo es plötzlich so dringend Not tat.
Als Beatrice in den vergangenen Wochen zuhause anrief, nahm jeweils Irmtraud ab, und vermeldete, dass es Vater wieder erstaunlich gut ging, er gerade aber beschäftigt sei. Auch Beatrice hatte viel zu tun und machte sich so keine Sorgen. Sie wunderte lediglich, dass bei jedem Anruf Tante Irmtraud das Telefon ihres Vaters abnahm, als ob sie zuhause eingezogen wäre.
Wie ein Blitz traf Beatrice nun, dreieinhalb Wochen nach dem 58. Geburtstag, der Anruf ihrer Schwester. Vater habe soeben die letzte Ölung erhalten habe. Als Beatrice 15 Stunden später in Köln ankam, war er bereits tot. Sie erkannte den eingefallenen Körper kaum wieder. Es musste es rapide mit ihm bergab gegangen sein. In der Wohnung fehlten Bilder und Wertgegenstände. Vater hatte sie angeblich seiner Schwester Irmtraud geschenkt. Als der Leichenbestatter das Haus verließ, öffnete Irmtraud bereitwillig den Wandtresor. Sie kannte die Zahlenkombination. Das drei Tage alte Testament machte in übergroßer, kaum lesbarer Krakelschrift Irmtraud zur Alleinerbin über Haus, Firma, die Wertpapiere und alles andere. Beatrice hatte noch nicht erfasst, was vor sich ging, als Irmtraud ihren Hausschlüssel verlangte. Auf Beatrice' entgeisterten Blick fügte Irmtraud schrill hinzu: "Ich stand ihm am nächsten. Schließlich bin ich seine Schwester".